Gelingen. Gelingen
20. März 2026–20. Mai 2026
Einen „schöpferischen Winkel“ nannte Maler Willi Baumeister die Abweichung vom künstlerisch gewünschten Ziel aufgrund der Widerständigkeit des Materials. Und er sah diese Einmischung als wesentlich für das Entstehen von Kunst. Die Ausstellung zum „Gelingen“ will an diesen Prozess, der dem Willen nicht völlig unterliegt, erinnern. In den Beständen der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman finden sich viele Arbeiten, bei denen das Ringen von Idee und Material glücklich ausgegangen ist. Wobei das Ergebnis umso spektakulärer ausfällt, je riskanter die Vorzeichen gesetzt sind.
Éva Bodnárs Malereien lieferten deshalb ein Leitmotiv für die Ausstellung: Beim ersten Hinsehen wirkt das eher zufällig und unkontrolliert,
doch bei näherer Betrachtung entsteht ein durchaus zwingendes Resultat. Auf das latente Missverstehen spielt Mai-Thu Perret mit dem Titel einer ihrer Skulpturen an: „Weil er das Juwel nicht sah, hielt er es für Abfall“ (Unaware it was a jewel, he thought it just rubble, 2020, Keramik glasiert).
Die Malerei ist immer schon jene künstlerische Disziplin gewesen, die die Idee aus dem Prozess entstehen lassen wollte. (Ähnlich wie bei der Keramik, deren Gestaltungsprozesse eine weitere Skulptur von Mai-Thu Perret veranschaulicht.) Sarah Bechter und Johannes Wohnseifer liefern mit ihren Arbeiten alternative Methoden des Gelingens. Bechter bringt die Batik ins Spiel, bei der sich Farbverläufe nicht völlig kontrollieren lassen. Zufallsformen werden dann malerisch zu Figuren konkretisiert. Die Polaroid-Paintings (2017–2024) von Johannes Wohnseifer setzen die Malerei ins Verhältnis zur technischen Reproduktion, zur Fotografie. Was dort ein Versagen gewesen ist, reiht sich hier ganz selbstverständlich in
die Geschichte malerischer Abstraktion ein, ohne dass der Maler selbst überhaupt zu irgendeiner Formfindung gezwungen zu sein scheint. Die Winkelzüge des Materials müssen gelegentlich als „Fehler“ bewertet werden.
Jedenfalls ist die traditionelle Formfindung im „schöpferischen Winkel“ durch die Technik (ebenso wie durch die konzeptuelle Kunst) untergraben worden. Darauf spielt das Video final play (2013) von Julia Bornefeld, das einen brennenden Flügel vorführt und dabei zwischen Darstellung und Abstraktion oszilliert. Der Aushandlungsprozess zwischen Idee und Material beginnt zwangsläufig im Abstrakten, bei der reinen Stofflichkeit. Erst im Arbeitsprozess gewinnt das Werk Bedeutung, entstehen bedeutungshafte Formen, die auf die Wirklichkeit außerhalb des Bildes verweisen.
Die Spannung zwischen Abstraktion und Darstellung ist also ein zweites Motiv in dieser Ausstellung. Mit einer zarten, zeichnerischen Intervention auf einem der großen Schaufenster, die – wie Oswald Oberhubers Nummernbild – an Duchamp gemahnt, macht Paul Thuil auf diesen instabilen Realitätsbezug aufmerksam. Der Auftritt der beiden Senioren, Oberhuber
und Gironcoli, deutet darauf hin, dass das Gelingen keineswegs ein bloß aktuelles Phänomen ist.
JULIA BORNEFELD, JOHANNES WOHNSEIFER,
SARAH BECHTER, PAUL THUILE, MAI-THU PERRET,
ÉVA BODNÁR (in der Reihenfolge ihres Auftretens)
BRUNO GIRONCOLI, OSWALD OBERHUBER (Cameos)
Stephan Schmidt-Wulffen (Kurator)

